Selbstbewusst und gut im Geschäft

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Selbstbewusst und gut im Geschäft

Das Handwerk beschäftigt in Deutschland in 600000 Betrieben mehr als fünf Millionen Menschen – und sieht sich selbstbewusst als „Rückgrat der deutschen Wirtschaft“.
Das Handwerk beschäftigt in Deutschland in 600000 Betrieben mehr als fünf Millionen Menschen – und sieht sich selbstbewusst als „Rückgrat der deutschen Wirtschaft“.
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Ravensburg sz Sommer 2016. Dachsanierung eines Reihenhauses in der Ravensburger Weststadt. Die Isolierung ist fertig, die neuen Ziegel glitzern in der Sonne. Ein Flaschner aus einer Gemeinde im Westen des Kreises Ravensburg klettert auf das Gerüst, das der Dachdecker für ihn stehen gelassen hat, um die Dachrinnen anzubringen. „Eigentlich ist mir so ein Auftrag zu klein. Ich mache das nur, weil ich mit dem Zimmerer auch bei großen Sachen zusammenarbeite“, gibt der Handwerker zu. „Da verdiene ich dann wesentlich mehr. Ich kann mir gerade die Projekte aussuchen – und so ein Reihenhaus fällt da bestimmt nicht drunter.“

Unmissverständliche Worte, die eine Entwicklung eindrucksvoll demonstrieren: Es läuft im Handwerk – in Deutschland, aber vor allem auch in Baden-Württemberg und Bayern. „Das erste Quartal 2017 war das erfolgreichste seit der deutschen Einheit“, erklärt Hans Peter Wollseifer, der Präsident des Zentralverbands des deutschen Handwerks (ZDH), im Interview mit der „Schwäbischen Zeitung“. Vor allem das Baugewerbe ist mehr als zufrieden mit der Konjunktur. Laut einem vor wenigen Tagen veröffentlichten Konjunkturbericht des ZDH bezeichnen 92 Prozent der Betriebe ihre Geschäftslage als gut oder zumindest befriedigend. Auch insgesamt, über alle Zweige des Handwerks hinweg, erreicht der Geschäftsklimaindex im ersten Quartal ein neues Allzeithoch. Knapp drei Viertel der Betriebe melden steigende Umsätze, 77 Prozent ausgelastete Kapazitäten.

Das deutsche Handwerk stabilisert mit diesen Zahlen die deutsche Wirtschaft: Schließlich sind fast 20 Prozent aller Unternehmen der Bundesrepublik Handwerksbetriebe, fast 15 Prozent aller deutschen Arbeitnehmer sind bei Zimmerern und Elektrikern, Schreinern, Frisören oder Bäckern beschäftigt. Auch wenn die volkswirtschaftliche Bedeutung des Handwerks in den vergangenen zehn Jahren etwas gesunken ist: Zwischen 2008 und 2013 wuchs die gesamte Wirtschaft um 14,6 Prozent, während das Handwerk im selben Zeitraum nur um 7,6 Prozent zugelegt hat.

Was das Handwerk aber vor allem im Süden Deutschlands so wichtig macht, ist die Präsenz der Betriebe in der Fläche: Allein in Bayern und Baden-Württemberg arbeiten rund 1,7 Millionen Menschen bei Handwerkern – viele von ihnen jenseits der großen Metropolen. Aus dem Grund bezeichnet sich das Handwerk völlig zurecht als „Wirtschaftsmacht von nebenan“, sagt jedenfalls die baden-württembergische Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU). Ihr imponiert vor allem die Innovationskraft der Betriebe. „Oft ist das Handwerk Erstanwender neuer Technologien, sorgt für deren Verbreitung und regt bei den Herstellern Verbesserungen an“, sagt die CDU-Politikern.

Dass das Handwerk vor allem im Südwesten Deutschlands eine außergewöhnlich wichtige Rolle spielt, liegt nicht zuletzt an der hohen Zahl der Freien Reichsstädte im 15. und 16. Jahrhundert. Die Städte nutzten die Privilegien und unterstützten die Zünfte in ihrer Entwicklung. Hinzu kam, dass das Handwerk und Gewerbe wegen der Rohstoffknappheit sehr früh gezwungen war, sich die jeweils neuen Technologien anzueignen. „Heute ist in Baden-Württemberg jeder sechste Arbeitsplatz und fast jeder dritte Auszubildende im Handwerk zu finden“, sagt Joachim Krimmer, Präsident der Handwerkskammer Ulm. „Die Betriebe gewährleisten die Infrastruktur der Regionen und sichern deren Zukunft.“

Große Nachwuchssorgen

Doch die Versorgung und die Sicherstellung der Infrastruktur könnte in Zukunft gefährdet sein. Schließlich erledigen immer weniger Handwerker die in den vergangenen Jahren immer weiter gestiegene Anzahl von Aufträgen: Dem Handwerk fehlt quer durch alle Gewerke der Nachwuchs. „Zurzeit ist die Versorgung noch gewährleistet, aber es gibt eben lange Wartezeiten“, sagt ZDH-Präsident Wollseifer. Dramatisch sei es im Lebensmittelhandwerk. „Bei den Fleischern bleibt ein Drittel der Ausbildungsplätze unbesetzt, bei den Bäckern ist es ein Viertel. Das wächst sich zu einem echten Problem aus.“

Das Handwerk versucht gegenzusteuern – mit Imagekampagnen, mit Ausbildungsberatern, mit speziellen Programmen für Studienabbrecher und mit sehr hohem Engagement bei der Integration von Flüchtlingen. Im Jahr 2016 lernten fast 4600 Menschen aus den acht häufigsten Asylzugangsländern im Handwerk, ein Zuwachs von mehr als 2900 Personen in drei Jahren.

Heftig kritisiert das Handwerk die ihrer Ansicht nach so einseitige Bildungspolitik in Deutschland, die das Nachwuchsproblem im Handwerk maßgeblich mit verursacht habe. Seit Jahren werde die berufliche Bildung im Vergleich zur akademischen Bildung vernachlässigt. „Der Staat darf nicht nur einseitig auf Universiäten und Hochschulen setzen, sondern er muss die duale Ausbildung fördern, weil die Betriebe die ausgebildeten Facharbeiter benötigen, die letztlich unser aller Wohlstand sichern“, sagt Tobias Mehlich, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Ulm.

Doch nicht nur bei der Bildung hadert das Handwerk mit der Politik, auch das Thema Meisterpflicht erzürnt die Verantwortlichen seit Jahren – auch wenn sich ihr Ärger da nicht gegen Berlin, sondern gegen Brüssel richtet. Im Zuge der Handwerksreform 2004 fiel in vielen Gewerken die Meisterpflicht. Seitdem können Handwerker ohne Meisterbrief ein Gewerbe anmelden und einen Betrieb eröffnen. Bewährt habe sich das nicht. „Es sind in dieser Zeit Tausende von Solo-Selbstständigen entstanden, die keinerlei Qualifikation vorweisen mussten“, erklärt Wollseifer. Die Folge aus Sicht des ZDH: sinkende Qualität und Solo-Selbstständige, die so wenig verdienen, dass sie es kaum schaffen, fürs Alter vorzusorgen. Die deutsche Politik hat sich von den Argumenten des Handwerks überzeugen lassen, im Dezember beschloss die CDU sogar, die Meisterpflicht für 53 Gewerke wieder einzuführen. Nun hängt es an der EU-Kommission.

„Das Handwerk ist systemrelevant für das Gelingen unserer Gesellschaft und unseren Wohlstand“, sagt Mehlich. Selbstbewusste Worte, die davon zeugen, dass das Handwerk davon ausgeht, in Brüssel und Berlin gehört zu werden. Es ist ein Selbstbewusstsein, das sich nicht nur auf wirtschaftliche Stärke gründet. Viele Handwerker sind in ihrer Heimat stark verwurzelt, sie engagieren sich für das Gemeinwesen, fast zehn Prozent aller ehrenamtlichen Gemeinderäte in Baden-Württemberg sind Handwerker. „Hier hat das Handwerk für mich absoluten Vorbildcharakter“, erklärt Hoffmeister-Kraut.

Auch solche Einschätzungen erklären die Selbstsicherheit des deutschen Handwerks.

In Süden gehören Handwerker mit ihrem Können und ihren Fertigkeiten zu den tragenden Säulen der Wirtschaft. Doch die Betriebe stehen vor großen Umbrüchen: Nicht nur die Digitalisierung auch die Energiewende und die Suche nach Fachkräften stellt viele Handwerker vor große Herausforderungen. Wie Bäcker, Maurer, Zimmerer, Dachdecker, Metzger und Schreiner mit diesen Veränderungen umgehen, zeigt die Serie „Unser Handwerk“ in der „Schwäbischen Zeitung“. Am Montag geht es um Solo-Selbstständige im Gegensatz zu mittelständischen Betrieben. Die Serie läuft bis Ende Juni und ist online zu finden unter schwaebische.de/unser-handwerk

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Schreiben sie doch mal konkret was ein Bäcker oder ein Fleischer oder Friseur als abhängig Beschäftigter verdient. Das Handwerk braucht zu allererst Löhne die dem Beschäftigten das Finanzieren von Familie garantiert und auch zahlt. Es ihm ermöglicht Zukunft im abhängigen Beschäftigungsverhältnis zu planen.

Dass es viele Handwerklichen Aufgaben und Gewerke gibt die wirklich interessant sind, Spaß machen bei der Arbeit wird nicht bestritten. Auch eine wirkliche Herausforderung für beste Köpfe sein können ist doch klar.
Aber der Wert von Arbeit definiert sich auch an seiner Entlohnung. Miese Bezahlung signalisiert in vielen Gewerken dann doch den Job für Abgehängte: mehr

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