Air Berlin wird abgewickelt

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Brigitte Scholtes
Air Berlin wird abgewickelt
Leerer Werbeluftballon der insolventen Fluggesellschaft Air Berlin: Die zweitgrößte deutsche Fluglinie wird zerschlagen. Lufthansa übernimmt die meisten Jets, die Gespräche mit Easyjet laufen noch.
Leerer Werbeluftballon der insolventen Fluggesellschaft Air Berlin: Die zweitgrößte deutsche Fluglinie wird zerschlagen. Lufthansa übernimmt die meisten Jets, die Gespräche mit Easyjet laufen noch.
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Frankfurt sz Die Fluggesellschaft Lufthansa ist die große Gewinnerin des Geschachers um die insolvente Air Berlin. 81 der insgesamt 130 Flugzeuge hat sich die Kranichlinie jetzt gesichert, von denen sie 38 ohnehin schon seit dem 10. Februar von der Airline gemietet hat – inklusive der Crews. 3000 zusätzliche Stellen würden so bei Eurowings geschaffen, sagte Spohr der „Rheinischen Post“. Die dürften vor allem solche in den Jets sein. Flugbegleiter und Piloten also können sich bewerben, müssen aber mit Gehaltseinbußen rechnen.

Auf diese Weise soll die Flotte von der Lufthansa-Billigflugtochter Eurowings wachsen. Denn Eurowings sei ein „Zwerg“ im Vergleich zu den Konkurrenten Ryanair oder Easyjet, die 400 beziehungsweise 300 Flugzeuge besäßen, meint Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt. Die Eurowings-Flotte wächst mit dem Air-Berlin-Deal auf nun etwa 100 an. Lufthansa-Chef Carsten Spohr hatte sich auf diesen Fall schon seit Jahresbeginn vorbereitet. Mit der Stärkung der Tochter versucht er, den Rivalen langfristig nicht allein das Geschäft mit den Kurz- und Mittelstreckenflügen zu überlassen. Das stößt nicht bei allen auf Zuspruch. Michael Gierse, Luftfahrtexperte der genossenschaftlichen Fondsgesellschaft Union Investment, hält diese Strategie für falsch: Eurowings werde es nicht schaffen, gegen Easyjet und Ryanair anzutreten: „Das sind Fluggesellschaften, die simpel und einfach aufgestellt sind“, sagt Gierse, während Eurowings ein Sammelsurium von verschiedenen Fluggesellschaften mit verschiedenen Flugzeugtypen und hoher Komplexität sei, die mit den Preisen oder mit Kosten der beiden Wettbewerber nicht standhalten könne: „Ich sehe das nicht. Das wird Jahre dauern, die Linie wird sich verzetteln“, prophezeit er.

Luftfahrtexperte Cord Schellenberg sieht zwar auch die Herausforderung für die Lufthansa-Gruppe. Doch er hält es für richtig, auf ein Verbindungsmodell von Kurzstrecken und Langstrecken zu setzen. „Man wäre langfristig nur noch ein Langstreckenflieger, weil die innereuropäischen Flüge dann immer mehr von den Billigfluggesellschaften übernommen werden.“ In der Kombination aus Europaverkehr bei Eurowings, Ferienflug von Niki – ein großer Wachstumsmarkt, meint Schellenberg – und den Zubringerdiensten von Eurowings für die Langstreckenflüge sei das für die Lufthansa eine gute Chance, aber auch eine Gefahr. Denn bislang habe „das noch kein Konkurrent hinbekommen“, warnt er aber auch.

Lufthansa-Chef Spohr aber hat in den vergangenen Wochen auch immer wieder deutlich gemacht, dass er in der Konsolidierung der Luftfahrtbranche eine aktive Rolle spielen will. Offenbar hat das Management auch schon einen Blick auf Italien geworfen. Dass man für die insolvente Alitalia bieten will, damit rechnen Experten zwar nicht, aber zumindest könnte man versuchen, auf diesem Markt wieder etwas aktiver zu werden.

Finanziell steht die Kranichlinie gut da: Spohr rechnet für das laufende Jahr mit dem dritten Rekordgewinn in Folge, allein eine Milliarde Euro hat der Konzern im ersten Halbjahr schon eingeflogen. Die langjährigen Tarifstreitigkeiten mit den Flugbegleitern und vor allem den Piloten sind beigelegt, die Stückkosten sinken. So kann sich der Konzern jetzt endlich wieder um strategische Fragen kümmern.

Die Passagiere jedoch bangen: Sofern die Wettbewerbsbehörden den Deal bestätigen, fliegt die Lufthansa nach der Übernahme als Quasi-Monopolist auf den innerdeutschen Strecken. „Frau Merkel hat dieses Monopol geschaffen“, sagte auch Niki Lauda im Deutschlandfunk. Der frühere Rennfahrer und Gründer der Fluggesellschaft Niki hatte für Niki geboten, war aber am Gläubigerausschuss gescheitert. Ein Monopol aber wird zu steigenden Ticketpreisen führen, warnt Lauda.

Das könne kurzfristig so sein, gesteht der Lufthansa-Chef zu, aber mittel- und langfristig sieht er insgesamt ein weiteres Wachstum und stärkeren Wettbewerb im europäischen Markt. Vor allem auch deshalb weil die Lufthansa im konzerninternen Wettbewerb auch gegen die eigenen Tochter antreten werde, wie Spohr ankündigte.

Die Wettbewerbsbehörden werden sich die Strecken genau ansehen, auf denen nach dem Ausscheiden von Air Berlin ein Monopol bestehe, sagt Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt. Er rechnet mit Auflagen der Kartellwächter für einzelne Strecken: Lufthansa beziehungsweise Eurowings würden dann wahrscheinlich einzelne Start- und Landerechte nicht erhalten, damit auch Wettbewerber dort fliegen könnten.

Tickets verlieren Gültigkeit

Unklar ist noch, was mit den Flügen der Kunden geschieht, die Langstrecke gebucht haben – hier beendet Air Berlin den Langstreckenbetrieb von diesem Sonntag an. Nach dem 28. Oktober soll der Flugbetrieb ganz eingestellt werden. Tickets für spätere Flüge verlieren ihre Gültigkeit. Spohr kündigte in der „Rheinischen Post“ aber ein Angebot an, „um im Ausland gestrandete Passagiere der Air Berlin die Heimreise zu einem fairen Preis anzubieten, sofern wir die Kapazitäten haben“. Im Gespräch sind 50 Euro für einen innereuropäischen und 150 Euro für einen außereuropäischen Flug.

Easyjet hat sich anders als Lufthansa noch nicht mit Air Berlin geeinigt. „Wir verhandeln mit Easyjet weiter“, sagte ein Sprecher am Donnerstag. Nach früheren Aussagen der Air Berlin interessiert sich Easyjet für 27 bis 30 Mittelstreckenflugzeuge. Lufthansa-Chef Carsten Spohr sprach am Donnerstag von 20 bis 30 Flugzeugen, die Easyjet in Berlin und Düsseldorf stationieren wolle.

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