Verliebt in seine Suter

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Joachim Lindinger
Verliebt in seine Suter
Alter Bekannter mit neuem Sportgerät: Sandro Cortese auf seiner Suter-MMX2 für die Moto2-Saison 2017.
Alter Bekannter mit neuem Sportgerät: Sandro Cortese auf seiner Suter-MMX2 für die Moto2-Saison 2017.
 (Foto:
Roland Rasemann
)

Memmingen sz Sechs Testtage noch. Sie werden manch offene Frage beantworten, ehe das Dynavolt IntactGP-Team am 26. März in Losail/Katar in seine fünfte Saison Moto2-WM geht. Sechs Tage auf dem Motorrad noch. Sandro Cortese wird sie brauchen, um nach einer Operation am linken Sprunggelenk im Winter und sieben Wochen an Krücken – nach all dem Radfahren, dem Schwimmen – vollends fit zu werden. „Um den Schaltmuskel wieder auf 100 Prozent zu bringen.“ Den Schaltmuskel? Ein lausbübisches Grinsen, ein Fingerzeig in Richtung Schienbein und Rist: „Ganz da vorne, da ist so ein Bobbel ...“

Die Stimmung war aufgeräumt bei der Teampräsentation des Memminger Rennstalls vor mehr als 500 Gästen. Nicht nur bei Sandro Cortese, dem Moto3-Weltmeister von 2012, dem mittlerweile 203-maligen Grand-Prix-Starter aus Berkheim im Landkreis Biberach. Und doch ganz besonders bei ihm. 15. war der 27-Jährige in der Moto2-Hierarchie 2016, nach einem Jahr voller Verletzungen, Ausfälle, Defekte. Dem „schwierigsten meiner ganzen Motorsportkarriere“. Da tut es gut, dass der Fuß nach Plan heilte. Also: Es kann (nur) besser werden.

Anders wird es auf jeden Fall. Allein schon, weil Sandro Cortese einen neuen Teamkollegen bekommen hat. Jonas Folger, der Dynavolt IntactGP am 21. August 2016 in Brünn den ersten (und bislang einzigen) Sieg seiner Historie beschert hat, steigt eine Hubraumklasse auf, fährt künftig MotoGP. Nachfolger Marcel Schrötter, 24 Jahre, in Landsberg geboren, kommt mit der Erfahrung aus 125 Grands Prix – und einigen Ambitionen. Noch, sagte der Vorjahres-14., habe es in seiner WM-Laufbahn „nicht so richtig ,klick‘ gemacht. Ich hoff’ einfach, dass ich dieses Jahr den Sprung schaffe und dass wir mit dem Team das Puzzle zusammenbringen.“ Dann seien „Podiumsplatzierungen realistisch“.

Sechs Tage noch zum Puzzeln. Sechs Tage auf der Suter-MMX2. Der Wechsel zum Chassisbauer aus Turbenthal nahe Zürich ist die zweite große Veränderung, die die Teamteilhaber Stefan Keckeisen (Memmingen), Wolfgang Kuhn (Bad Wurzach) und Jürgen Lingg (Röthenbach) im Herbst eingeleitet haben. Zwei Jahre gilt die Vereinbarung zunächst, den 600-ccm-Viertakt-Prototypen made in Suisse chauffieren im Moto2-Feld neben dem IntactGP-Duo nur noch die Kiefer-Racing-Piloten Danny Kent und Dominique Aegerter. Eher ein Vorteil, glaubt Jürgen Lingg, in Personalunion Teammanager und Technischer Leiter: Zwar sei der seitherige Fahrwerkspartner Kalex Engineering aus Bobingen „die Benchmark. Aber die betreuen 22 Fahrer, die können natürlich nicht auf jeden individuell eingehen. Und hier haben wir jetzt schon alle Möglichkeiten. Wenn der Sandro eine andere Schwinge oder eine andere Geometrie fahren möchte als der Marcel, dann kriegt er die.“ Zudem lenke die MMX2 „sehr, sehr gut ein“, baue „der Hinterreifen einfach nicht so schnell ab“. Sandro Cortese hat ein weiteres Plus ausgemacht: „Sehr klein“ sei das Motorrad, „sehr hoch und sehr kurz, sehr agil“. Und: „Steifer im Vergleich zur Kalex.“ Mehr nach den sechs Tagen Test! Halt, eines noch: „Ich bin wirklich verliebt in meine neue Suter!“ Applaus bei den 500. Gespannte Vorfreude.

Wunschbesetzung Willeke

Die Liebe soll halten. Möglichst 18 Rennen lang, möglichst bis zum Saisonfinale am 12. November in Valencia (und darüber hinaus). Dafür sorgen will Crew-Chief Alfred Willeke mit den Mechanikern Gianluca Montanari und Vasil Markov; die Rundumbetreuung von Marcel Schrötters Sportgerät obliegt Crew-Chief Patrick Mellauner samt Thomas Wegscheider und Felix Kertzscher. Data-Spezialist Gero Beetz komplettiert das Septett der Tüftler und Schrauber. Ein radikaler Neubeginn auch hier – zumindest bei Sandro Corteses Mannschaft. Alfred Willeke war Jürgen Linggs Wunschbesetzung („Ich wollt’ ihn vor einem Jahr schon haben“), sein Fahrer zeigt sich bislang „sehr, sehr begeistert davon, wie er an die Sache rangeht“. Alfred Willeke seinerseits feilt am „Verstehen: Was für ein Motorrad braucht der Sandro?“ Da geht es, bei Einheitsmotoren (Honda), Einheitsreifen (Dunlop) und Einheitskupplungen (FCC) in der Moto2, „um Feinheiten, um Details“. Die Zehntel, ja: Sekunden bringen könnten. Entscheidende Sekunden.

Bleibt deren Addition – die Frage nach Platzierungen, nach Prognosen. Propheten trifft man selten während Teampräsentationen. Einschätzungen formulierten die Protagonisten bei Dynavolt IntactGP danach, während der Après-Party, fernab vom Scheinwerferlicht. Erwartungen auch. Jürgen Lingg etwa, Adressat Sandro Cortese: „Er muss einfach eine gewisse Konstanz haben und darf auf gar keinen Fall diese Leichtsinnsfehler mehr machen, die ihm so oft zum Verhängnis geworden sind. Das waren klitzekleine Fehler, die sich fatal ausgewirkt haben. Ich hab’ da so mit ihm gelitten ...“ Wiederholung eher ungewollt.

Auch bei dem Mann mit dem Schaltmuskel. „Wir sind ja Rennfahrer“, sagt Sandro Cortese. „Und jeder Rennfahrer will gewinnen. Aber man muss auch realistisch sein. Nach der schwierigen Saison letztes Jahr muss man jetzt erst mal stabile Ergebnisse einfahren.“ Ab 26. März, ab Losail.

Sechs Testtage noch.

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