Weingarten: Was ein Orthodoxer über den Blutfreitag sagt

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Was ein Orthodoxer über den Blutfreitag sagt

Martin Lissmann (rechts) beim Besuch des Blutrittes 2016 mit Bischof Gebhard Fürst.
Martin Lissmann (rechts) beim Besuch des Blutrittes 2016 mit Bischof Gebhard Fürst.
 (Foto:
Stadt Weingarten
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Weingarten sz Jahr für Jahr steht der Blutfreitag in Weingarten ganz im Zeichen des christlichen Glaubens. Mit dabei sind auch immer wieder Würdenträger anderer Konfessionen. Doch wie nehmen Geistliche anderer Konfessionen die katholische Heilig-Blut-Verehrung wahr? Erzdiakon Martin Lissmann von der rumänisch-orthodoxen Kirche aus Köln hat die Prozession im vergangenen Jahr zum ersten Mal besucht. Im Interview mit Oliver Linsenmaier spricht der gebürtige Tettnanger über seine faszinierenden Eindrücke, den Stellenwert einer solchen Veranstaltung und vergleichbare Prozessionen in der rumänisch-orthodoxen Kirche.

Im vergangenen Jahr haben Sie das erste Mal den Blutritt besucht. Können Sie Ihre Eindrücke schildern?

Obwohl mir vom Blutritt erzählt worden ist, hätte ich nie gedacht, dass eine ganze Stadt an der Feierlichkeit teilnimmt: gesperrte Straßen, Schilder, auf welchen Hinweise zur Prozession standen, eine substantielle und freundliche Polizeipräsenz, aufgeregte und stolze Gruppen von Reitern, Musikern und Zuschauern, und natürlich viele Pferde. Ich habe nie so viele Pferde und Reiter an einem Platz zusammen gesehen. Der Enthusiasmus, mit welchem sich die Teilnehmer der Mühe unterzogen, die Tradition und die Trachten aufrecht zu erhalten, haben mich sehr beeindruckt.

Was haben Sie dabei gedacht?

Ich fühlte mich in eine Zeit zurückversetzt, in welcher Gott als Maß aller Dinge von allen noch anerkannt war.

Gibt es vergleichbare Prozessionen in der rumänisch-orthodoxen Kirche?

Natürlich gibt es ähnliche Prozessionen in der rumänisch-orthodoxen Kirche, das Reiter-Element kommt aber eher selten vor, und wenn, meistens nur auf dem Lande, in Nord-Rumänien, oder im Gebirge, wo ich beobachten konnte, wie der Bischof beim Besuch eines Patronatsfester von mehr als sechs Pferden eskortiert wurde, als er aus dem Auto ausstieg und den Rest der Wegstrecke zu Fuß bergauf gehen musste. Auch die dortigen Reiter waren festlich mit dem regionalen Kostüm gekleidet.

Wie laufen die Prozessionen in der rumänisch-orthodoxen Kirche üblicherweise ab?

Bei uns finden die Prozessionen zu Fuß statt, und getragen werden Ikonen und Kirchenfahnen, jedoch keine Reliquien. In der Vergangenheit wurden die Reliquien in der Prozession nur in Zeiten der Not, zum Beispiel bei Hagel, Dürre oder der Pest, getragen, um an die Hilfsbereitschaft der entsprechenden Heiligen zu appellieren. Dass in Weingarten eine so wichtige Reliquie heutzutage immer noch gezeigt und feierlich in einer Prozession getragen wird, ist mehr als eine kulturelle Besonderheit oder Attraktion: es ist eine wahre Segnung!

Können Sie dieser Form von Verehrung etwas abgewinnen?

Ja, ich kann dies, denn die Anstrengung, der Aufwand und die Müdigkeit der Teilnehmer sind nicht hoch genug einzuschätzen gerade in einer Zeit, in welcher man nur an sein eigenes Wohlgefühl und an seinen Komfort denkt. Solch eine Prozession ist um so wichtiger, weil sie die Opferbereitschaft und die daraus folgende Freude und Kraft, die von Christus selbst stammen, in den Vordergrund stellt.

Warum ist es wichtig, solche Traditionen beizubehalten?

Es ist darum wichtig, solche Traditionen lebendig zu erhalten, weil durch sie die Zentralität Gottes in unserem Leben verkündigt wird, denn ohne Gott wird der Mensch sich selber überlassen.

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