Wangen: Menschen aus ganz Europa beim Klöppeln

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Paul Martin
Menschen aus ganz Europa beim Klöppeln
Gut gefüllt waren die Sporthallen beim ersten Kongresstag am Freitag.
Gut gefüllt waren die Sporthallen beim ersten Kongresstag am Freitag.
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Paul Martin
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Wangen sz Seit Donnerstag prägen Gruppen von Klöppelbegeisterten das Stadtbild Wangens – und auch die Stadt ihrerseits hat sich herausgeputzt: Festfahnen sind gehisst, die Hallen mit speziellen Böden ausgelegt und hergerichtet, und in den Schaufenstern der Stadt sind schon seit mehreren Wochen Klöppelspitzen ausgestellt. Insgesamt rund 4000 Besucher – weitestgehend Besucherinnen – sollen noch bis Sonntag nach Wangen kommen, um sich über neueste Klöppeltechniken, -garne und -material zu informieren.

Die Ersten waren bereits in den Tagen vor dem Eröffnungsabend am Donnerstag (siehe gesonderter Bericht) angereist. „Wir sind vor allem hierhergekommen, um uns mit Material einzudecken. Eine Auswahl wie beim Klöppelkongress bekommt man praktisch nirgends geboten“, begründet die Klöpplerin Rita Thoma ihre Anreise aus Zug in der Schweiz. Denn die Besucherinnen kommen größtenteils nicht aus der Region, sondern aus ganz Deutschland, manche sogar aus dem europäischen Ausland. Im Stimmengewirr hört man italienisch, französisch und spanisch. Doch nicht nur die Besucher sind international, auch die Händler, die in den drei Wangener Sporthallen rund um die Argen ihre Waren anbieten.

Aus Spanien angereist

So zum Beispiel Pere Font: Er und seine Mutter Carmen sind 1500 Kilometer aus Torredembarra, einer kleinen Stadt in Spanien, zum Klöppelspitzenkongress nach Wangen angereist. „Ich bin da, wo geklöppelt wird“, sagt der Spanier, der fließend Deutsch spricht. Die Klöppel, Klöppellampen, Klöppelstühle und -tische, die er anbietet, werden 100 Kilometer südlich von Barcelona in seiner kleinen Werkstatt angefertigt. Er selbst bietet sie dann auf Messen und Märkten in ganz Europa an. Die Kundinnen in Deutschland würde in erster Linie ihre Freundlichkeit auszeichnen – und „dass sie ein wenig älter sind als in Spanien oder Italien“, wie er mit einem Augenzwinkern anmerkt.

Dass die Klöpplerinnen im Süden Europas jünger sind, erklärt er sich darin, dass dort in der Schule geklöppelt wird. Klöppeln in deutschen Schulen ist die absolute Ausnahme – und doch gibt es auf dem Klöppelspitzenkongress einen Stand von Schülerinnen und Schülern. Sie kommen von der Albert-Schweitzer-Schule in Kißlegg. An der Schule für Kinder und Jugendliche mit festgestelltem Anspruch auf ein sonderpädagogisches Bildungsangebot, also mit Handicap, wird seit 2004 geklöppelt. „Das hat damals in einer Projektarbeit für den Klöppelspitzenkongress 2005 in Weingarten angefangen. Weil wir gemerkt haben, wie pädagogisch wertvoll das Klöppeln für die Schüler ist, machen wir es bis heute – inzwischen vier Stunden in der Woche“, erklärt Gabi Karrer.

Selbstbewusst durch Klöppeln

Die Lehrerin ist selbst begeisterte Klöpplerin, die das Kunsthandwerk bereits seit der Jahrtausendwende praktiziert. Sie zeichnet die Klöppelbriefe, also die Vorlagen für die Kunstwerke der Schüler, selbst und hilft den Schülern am Anfang beim Erlernen der verschiedenen Fähigkeiten. Danach dürfen die Schüler selbst Farben, Tempo und die Werkstücke, die sie herstellen, auswählen. „Die Kunstwerke, die sie herstellen – und seien es nur simple Spitzen – geben unseren Schülern Selbstbewusstsein.“ Das macht, laut Karrer, den pädagogischen Wert des Klöppelns aus: „Die Schüler bekommen durch das Klöppeln Ruhe, Rhythmus und Genauigkeit. Außerdem sind sie natürlich sehr stolz auf ihre Kunstwerke – und das gibt ihnen ein großes Selbstwertgefühl.“ An ihrem Stand im Eingangsbereich der Lothar-Weiß-Halle kann man der siebenköpfigen Klöppelklasse bei ihrer „erfüllenden Arbeit“ über die Schulter schauen.

Termine: Klöpplern und Händlern über die Schulter schauen kann man noch am Samstag von 9 bis 17 Uhr und am Sonntag von 9 bis 12 Uhr. Zu diesen Zeiten sind die Hallen geöffnet. Die Leni-Matthaei-Ausstellung im Gemeindehaus St. Martin und im DRK-Heim in der Liebigstraße ist am Samstag von 9 bis 17 und am Sonntag von 11 bis 13 Uhr zu sehen.

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