Lindau: Unbelehrbar - Haftstrafe für Lindauer "Rebell"

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Der Polizei den Stinkefinger gezeigt

Der Angeklagte hatte die Absperrbarken in der Rickenbacher Straße versetzt.
Der Angeklagte hatte die Absperrbarken in der Rickenbacher Straße versetzt.
 (Foto:
Archiv Augustin, Dirk
)

Lindau jule Nein, man darf Polizisten nicht den Stinkefinger zeigen. „Leckt mich am Arsch“ darf man zu ihnen auch nicht sagen. Außerdem darf man Dinge in einer Gefängniszelle nicht mutwillig zerstören. Und man darf nicht einfach die Absperrbarken an einer Einbahnstraße versetzen – nur, weil man eine Einbahnstraße an dieser Stelle für falsch hält. All das hat ein Lindauer aber im Laufe des vergangenen Jahres gemacht. Und noch vieles mehr.

Doch um die Taten zu erklären, wegen denen er am Donnerstagmorgen vor dem Lindauer Amtsgericht saß – Sachbeschädigung, gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr, Beamtenbeleidigung und Besitz von Betäubungsmitteln – muss man schon ein wenig ausholen: Alles begann an Ostern vergangenen Jahres. Damals hatte der Stadtrat beschlossen, aus der Rickenbacher Straße eine unechte Einbahnstraße zu machen. Das gefiel dem Angeklagten offenbar nicht so sehr. Zuerst montierte er die Einbahnstraßenschilder ab, später beschmierte er sie. Und er versetzte die Absperrbarken an der Rickenbacher Straße und der Freihofstraße.

All das blieb nicht unbemerkt. Denn der Angeklagte beging die Taten meist nicht im Schutz der Dunkelheit, sondern recht unverfroren am helllichten Tag. Aus diesem Grund gab es natürlich Zeugen, die aber eigentlich gar nicht nötig gewesen wären. Denn der Angeklagte räumte die Taten bei Gericht nicht nur ein, nein, er rechtfertigte sie vehement. „Die Absperrbarken habe ich versetzt, weil der Stadtbus wegen ihnen andauernd in den Gegenverkehr gefahren ist“, erklärte er. Die Schilder habe er abmontiert und beschmiert, weil unter der neuen Verkehrsführung die ganze Nachbarschaft gelitten habe.

Als Polizisten deswegen seine Wohnung durchsuchten, fanden sie neben zwei verdächtigen Graffiti-Markern auch 0,7 Gramm Marihuana. „Als ich ihn belehrt habe, hat er den Mittelfinger gehoben und gesagt: ,Leck mich am Arsch’. Danach hat er beide Mittelfinger gehoben“, sagte ein Polizist aus.

Auch das gab der Angeklagte zu. Grund für sein Verhalten sei allerdings ein Formfehler im Durchsuchungsbeschluss gewesen: Dort war versehentlich die falsche Hausnummer vermerkt gewesen. „Bei Ihnen weiß die rechte Hand doch nicht, was die linke macht“, sagte der Angeklagte – und bekam lautstarke Unterstützung von seiner Mutter, die in der ersten Reihe des Zuschauerraums saß. Wegen der Hausdurchsuchung habe er eine Beschwerde bei der Oberstaatsanwaltschaft Kempten eingelegt. „Aber das war ein abgekartetes Spiel mit der Polizei“, sagte der Angeklagte. In diesem Moment platzte der Staatsanwältin der Kragen. „Wollen Sie jetzt auch noch eine Anzeige wegen falscher Verdächtigung?“, fragte sie – und bekam die Antwort sofort: „Wenn Sie mich fünf Jahre wegsperren, zeigen Sie nur die Absurdität dieses Verfahrens. Ich bin hier, um zu zeigen, dass ich ein ruhiger Mensch bin.“

Das ist er offenbar nicht immer. Zumindest, wenn man der Aussage des Polizisten glaubt, der noch eine weitere Geschichte auf Lager hatte: Der Angeklagte hatte im vergangenen Jahr unerlaubt vor dem Lindaupark demonstriert. „Wir haben ihm mehrmals gesagt, er solle gehen, dann haben wir ihn ins Auto getragen und in die Zelle gesteckt.“ Dort zerstörte er den Reißverschluss der Matratze, um mit einem Metallteil davon das Wort „Freiheit“ in die Zellenwand zu ritzen.

Angeklagter muss trotz Bewährungsstrafe ins Gefängnis

„Der Angeklagte denkt, er kann tun und lassen, was er will“, sagte die Staatsanwältin – und beantragte eine Strafe von neun Monaten Haft. Der Angeklagte, der sich selbst verteidigte, konterte: „Es ist falsch, die Symptome zu bekämpfen, anstatt die Ursache.“ Seiner Meinung nach würden für Posten bei der Polizei gezielt falsche Charaktere gecastet.

Richter Harter blieb schließlich unter den geforderten neun Monaten. Er verurteilte den Angeklagten wegen Beleidigung, gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr und Sachbeschädigung zu sechs Monaten Haft auf Bewährung – und sprach ihn frei vom Vorwurf des unerlaubten Besitzes von Betäubungsmitteln. „Beim Durchsuchungsbefehl ist etwas schief gelaufen und ich will eine Torschusslegende vermeiden.“ Ins Gefängnis muss der Angeklagte Anfang März aber trotzdem: Weil er Schwarzarbeiter angestellt hatte, schuldet er dem Staat noch 10000 Euro. Aber das ist eine andere Geschichte.

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