Leutkirch: Büffeln bietet bessere Berufsaussichten

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Büffeln bietet bessere Berufsaussichten
Deutsch lernen für eine bessere Zukunft: Samar Farrash (vorne) besucht einen Integrationskurs in Leutkirch.
Deutsch lernen für eine bessere Zukunft: Samar Farrash (vorne) besucht einen Integrationskurs in Leutkirch.
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Fotos: simon Nill
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Leutkirch sz Die Köpfe sind gesenkt. Konzentriert blicken die Besucher des Integrationskurses auf ihr Lehrbuch. Selten wird die Stille unterbrochen. Und auch nur, wenn ein Teilnehmer kurzzeitig an der Aufgabe verzweifelt und seinen Nachbarn um Hilfe bittet. Es gilt, kurzen Texten über Geschehnisse im Zweiten Weltkrieg ein passendes Bild zuzuordnen. Keine leichte Aufgabe für die 18Kursteilnehmer, die aus vielen verschiedenen Nationen stammen.

Die deutsche Geschichte steht an diesem Vormittag im Mittelpunkt eines Integrationskurses, dessen Träger die Leutkircher Volkshochschule ist. Stille Arbeit mit dem Lehrbuch ist dabei nur ein kleiner Teil im Programm von Richard Kämmerle. Häufig steht der Leiter an der Tafel und stellt offene Fragen an die Gruppe. Die Kursteilnehmer sind gesprächig, so kommen viele unterschiedliche Antworten zusammen. Sämtliche Ergebnisse werden gemeinsam notiert.

Klare Fragen, klare Antworten

Auf klare Fragen von Kämmerle folgen in der Regel klare Antworten. Ein Beispiel: „Wie lange dauerte der Zweite Weltkrieg?“ Ein Teilnehmer ruft die Antwort innerhalb weniger Sekunden: „Von 1939 bis 1945.“ Doch nicht alle Aufgaben sind für die Männer und Frauen, die beispielsweise aus Syrien, Pakistan, Spanien oder den USA stammen, so einfach zu lösen. Etwa die Frage nach den Siegermächten. Kleinere Schwierigkeiten bereitet auch die damalige Aufteilung Deutschlands in zwei Staaten. „Es gab DDR und BDR“ ist sich ein junger Mann sicher. Das ist nicht so ganz richtig, stellt Kämmerle klar.

Viele Begriffe wie „Kapitulation“, „Siegermächte“ oder „Besatzungszone“ sind den Lernwilligen fremd. Anders verhält es sich zur Überraschung von Kämmerle bei „Wiedervereinigung“. Viele Teilnehmer kennen die Bedeutung des Wortes. „Wie bei einer Familie – die war schon mal eine Einheit und wird es dann wieder“, meint ein junger Syrer.

„Am Anfang war der Kurs schwer, jetzt einfacher“, sagt Aljnaedi Wafi, der vor etwa einem halben Jahr von Syrien nach Leutkirch gekommen und mit 38 Jahren einer der älteren in der Gruppe ist. „Es ist Spaß, aber auch Arbeit“, fügt er hinzu. Schließlich gebe Kämmerle „viele Hausaufgaben“. Dennoch sei ein solcher Kurs für Neuankömmlinge wichtig: „Ohne den kann ich hier nicht leben“, meint Wafi. Die Lernwilligen haben bereits das sechste von sieben Modulen des Integrationskurses erreicht und mehr als 500 Unterrichtseinheiten an vier Vormittagen pro Woche investiert.

Auch Alrizk Weaam ist hochmotiviert, so schnell wie möglich Deutsch zu lernen. Bereits vor einem Jahr und sechs Monaten hat er sein Heimatland verlassen. „Ich suche eine Ausbildung“, erklärt er. Wenn alles glatt läuft, will der 22-Jährige bald als Sanitäter tätig sein. Um noch schneller und besser zu lernen, hat Weaam mit weiteren Kursteilnehmern eine Lerngruppe gegründet. Einmal pro Woche werde dann gemeinsam gebüffelt und Hausaufgaben gemacht.

Ziele für die nahe Zukunft haben sich auch Samar Farrash und Kaula Hasso gesetzt. Die Wünsche: ein Praktikum als Bauingenieurin sowie eine Ausbildung zur Erzieherin. Deshalb ist für die beiden der Integrationskurs „sehr wichtig“. Leiter Richard Kämmerle ist derweil begeistert von der „schönen Atmosphäre“, die an den vier Vormittagen herrscht. Alle Teilnehmer seien interessiert und motiviert. „Vor allem die Mischung der Nationen“ zeichne die Gruppe aus.

Vier VHS-Kurse in Leutkirch

Der Kurs von Kämmerle ist einer von vier, die derzeit von der Leutkircher Volkshochschule (VHS) organisiert werden. Auf diese Weise entsteht Platz für 60 bis 80 Teilnehmer, erklärt VHS-Mitarbeiter Matthias Hufschmid. „Wir haben seit längerem aber eine Übernachfrage“, ergänzt er. Viele Interessenten standen deshalb auf einer Warteliste.

Knapp 160 Männer und Frauen hofften seit September des vergangenen Jahres in Leutkirch auf einen Platz. Die Folge: Wartezeiten von über einem Jahr. „Das hat sich mittlerweile aber gelichtet, wir haben fast alle Interessenten erreicht, um ihnen Kurse anzubieten“, so Hufschmid.

„Wir sind jetzt an einem Punkt, an dem wir Licht am Ende des Tunnels sehen“, ist sich der VHS-Mitarbeiter sicher. Denn vor einigen Monaten sei der Ansturm auf die Kursplätze riesig gewesen. Im Anschluss war einige Zeit nötig, um etwa zusätzliche Lehrer zu finden und Räume bereitzustellen: „Wir mussten uns erst einmal selber aufbauen“, kommentiert Hufschmid. „Ab jetzt sind wir aber gerüstet“, fasst er zusammen. Genügend Leiter stehen mittlerweile zur Verfügung. Nicht so optimal sei allerdings nach wie vor die Raumsituation. So ist Hufschmid weiter auf der Suche nach Zimmern, um Gruppen unterzubringen.

Die Verantwortlichen bei der VHS rechnen damit, dass das Interesse an den Integrationskursen sich beim aktuellen Level einpendelt. Viele Neubürger aus Ländern wie Syrien, dem Irak oder Italien seien mittlerweile zwar bedient, allerdings würden neue Interessenten nachrücken. Etwa Menschen aus Gambia erkundigten sich mittlerweile verstärkt nach Plätzen.

In regelmäßigen Abständen kommt es vor, dass Männer oder Frauen nach einigen Unterrichtseinheiten einen Integrationskurs verlassen. Manche finden laut Hufschmid beispielsweise einen Job und sehen keinen Vorteil mehr darin, den Kurs zu besuchen. „Wir versuchen ihnen dann klarzumachen, dass sie mit besseren Sprachkenntnissen vielleicht auch einen besseren Job finden.“ Dies verständlich zu machen, sei allerdings nicht einfach.

Ein Problem sieht Hufschmid darin, dass einige Interessenten für Integrationskurse das lateinische Alphabet nicht verstehen. Entsprechende Unterrichtseinheiten, um die Buchstaben zu lernen, könne die Volkshochschule nicht anbieten. „Solche Leute haben momentan wenig Chancen“, sagt er klipp und klar.

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