Hamon verkörpert Wunsch nach einem Neuanfang 

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Christine Longin
Hamon verkörpert Wunsch nach einem Neuanfang 
Hamon
Der sozialistische Anwärter Benoît Hamon stellt zwar die europäische Sparpolitik infrage, unterstützt aber grundsätzlich Europa.
 (Foto:
Lionel Bonaventure
)

Paris lon Wenn die Linke nicht nur Beiwerk sein will, muss sie eine begehrenswerte Zukunft aufzeigen“, forderte Benoît Hamon im letzten Fernsehduell vor der Stichwahl der Sozialisten. Der 49-jährige Linksaußen versteht sich als Kandidat einer solchen Zukunft und könnte damit auch die zweite Runde der Vorwahlen am Sonntag gewinnen. Sein Programm zieht vor allem junge Franzosen an: ein Grundeinkommen von 750 Euro für alle, die Legalisierung von Cannabis, die Einführung der 32-Stunden-Woche. Dazu noch mehr Umweltschutz und mehr Mitsprache der Bürger.

„Es geht nicht nur darum zu träumen, man muss auch realistisch sein“, kritisierte sein Gegner, Ex-Regierungschef Manuel Valls, die Vorschläge Hamons. Denn der studierte Historiker, der nur vage von einer „Umverteilung des Reichtums“ sprach, blieb die Antwort auf die Frage nach der Finanzierbarkeit seiner Ideen schuldig. „Der Taschenspieler“ nannte ihn deshalb die liberale Zeitung „L’Opinion“.

Obwohl er wie fast alle anderen Kandidaten Minister war, verkörpert der „kleine Ben“ einen Neuanfang nach fünf Jahren sozialistischer Regierung. Dabei hatte Hamon praktisch seine ganze Karriere in der sozialistischen Partei gemacht: zuerst in der Jugendorganisation MJS, wo er immer noch seine Unterstützer hat, dann im Europaparlament und von 2012 bis 2014 in der Regierung. Geschichte schrieb der als „Apparatschik“ Kritisierte, weil er als Bildungsminister nur 147 Tage im Amt war.

Mit Bernie Sanders verglichen

Im August 2014 musste der Vater zweier kleiner Töchter die Regierung verlassen, weil er den seiner Ansicht nach zu unternehmerfreundlichen Kurs von Präsident François Hollande kritisiert hatte. Der fürchtet nun, dass seine Sozialisten mit einem Kandidaten Hamon einen ähnlichen Linksruck erleben wie die Labour-Partei in Großbritannien. Der drahtige Sozialist mit den stechenden blauen Augen wird schon mit Labour-Chef Jeremy Corbyn oder US-Präsidentschaftskandidat Bernie Sanders verglichen.

Nach seinem Rauswurf aus der Regierung konzentrierte sich Hamon auf seinen Wahlkreis Trappes, eine Problemvorstadt im Südwesten von Paris, wo viele Muslime wohnen. Als der Burkini-Streit im vergangenen Jahr losbrach, warnte er offen vor Islamfeindlichkeit. „Es gibt keine Verbindung zwischen dem Dschihadismus und dem Burkini“, sagte er in einem Radiointerview.

Kontinuierliche Aufholjagd

Wochenlang hatte der Rugby-Fan mit dem breiten Grinsen in Umfragen hinter Valls und Ex-Wirtschaftsminister Arnaud Montebourg gelegen. „Der Outsider“ schrieb die konservative Zeitung „Le Figaro“ noch im Dezember. Doch der Bretone holte kontinuierlich auf und gewann die erste Runde der Vorwahlen überraschend mit 36 Prozent gegen den lange als Favoriten gehandelten Valls, der den sozialliberalen Flügel der Sozialisten vertritt. 

Auch die Stichwahl um die Präsidentschaftskandidatur der französischen Sozialisten hatte Hamon klar gewonnen.  Die Wahl Hamons bedeutet für die Sozialisten eine Zerreißprobe. Es war unklar, ob der rechte Parteiflügel sich klar hinter den Gewinner stellen würde. Auch auf europäischer Ebene dürfte Hamon anecken, er fordert etwa ein Moratorium für den Euro-Stabilitätspakt, der das Haushaltsdefizit der Euro-Staaten auf drei Prozent der Wirtschaftsleistung begrenzt.

Der sozialistische Bewerber liegt in Umfragen für den ersten Wahlgang im April auf dem fünften Platz. Er hat demnach also keine Chancen, dem konservativen Favoriten François Fillon oder der Rechtspopulistin Marine Le Pen die Stirn zu bieten.

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