Jugendangebot von ARD und ZDF im Test

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Jugendangebot von ARD und ZDF im Test
In der Sendung „Schön schlau“ beantwortet Mai-Thi Nguyen-Kim in kurzen Videoclips Wissen – zum Lachen, Weitererzählen und Beeindrucken im Alltag, auf Partys und im Büro.
In der Sendung „Schön schlau“ beantwortet Mai-Thi Nguyen-Kim in kurzen Videoclips Wissen – zum Lachen, Weitererzählen und Beeindrucken im Alltag, auf Partys und im Büro.
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Funk
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Ravensburg sz Vor fast sechs Monaten brachten ARD und ZDF das neue Sendekonzept „funk“ für junge Leute online. Abgesehen von der Gebührenfinanzierung soll nur noch wenig an das Fernsehen erinnern, wie man es von den Öffentlich-Rechtlichen kennt. 45 Millionen Euro lassen sich ARD und ZDF das jährlich kosten. Geld, das frei wird, weil die Sender „Einsplus“ und „ZDFkultur“ eingestellt wurden. Natürlich habe es auch Zuschauerbeschwerden gegeben, sagt Programmgeschäftsführer Florian Hager, und bleibt gleich in der Sprache seiner Zielgruppe: „Aber Hater gibt es schließlich immer.“

„Guten Morgen, Internet“ rufen Kelly und Freddie ziemlich gut gelaunt in die Kamera. Danach treten sie im heimeligen Hipster-Studio gegeneinander im Karaoke-Singen an, backen zum Tag des Haustiers Kuchen für Studiohund Fritze oder reden über die Trends der 90er-Jahre. Frühstücksfernsehen für die 14- bis 29-Jährigen, nur eben nicht ausgestrahlt im TV, sondern im World Wide Web – wie alle „funk“-Formate.

Ein erkennbares Konzept fehlt

Die jungen Leute sollen auf den Plattformen erreicht werden, auf denen sie sich ohnehin aufhalten. Bei Facebook, Youtube, Twitter, Snapchat und Instagram. Zusätzlich gibt es eine eigene Website und eine App. Der Weg über das Internet ist auf jeden Fall der richtige, findet der 17-jährige Johannes Schrön, der „funk“ für die „Schwäbische Zeitung“ getestet hat. Den Fernseher in seiner Wohngemeinschaft in Sigmaringen schaltet er höchstens noch für die Spielekonsole an.

Wirklich rund findet er das Angebot von „funk“ allerdings nicht. „Es gibt einzelne gute Formate, aber ich erkenne das Konzept dahinter nicht“, sagt er. „Die große thematische Bandbreite ist zwar erst mal positiv zu bewerten, irritiert aber auch.“

In der Tat hat „funk“ seit Oktober ordentlich nachgelegt: Aus den anfänglichen 40 Formaten, sind mittlerweile fast 60 geworden. Weitere seien in Planung, so Hager. „Y-Kollektiv“ berichtet mit subjektiver Perspektive über gesellschaftspolitische Missstände, „Schön schlau“ beantwortet Wissensfragen à la „Bringt Muskelkater Muskeln?“, und „Wumms“ liefert tägliche Sport-Satire. Laut Hager sind es aber vor allem Unterhaltungsformate wie „Guten Morgen, Internet“, die besonders hohe Abrufzahlen erhalten.

Hier genau sieht Schrön den Knackpunkt: Es gebe wenige reine Unterhaltungsformate, viele sind politisch, gesellschaftskritisch oder satirisch, sagt der Schüler. Auch wenn er selbst das gut findet, die große Masse der jungen Leute sei seiner Einschätzung nach im Netz wohl doch eher auf der Suche nach Unterhaltung. „Große Youtube-Stars wie ApeCrime sind schließlich auch mit leicht verdaulicher Kost erfolgreich geworden.“

Doch genau von diesen gängigen Youtube-Videos wolle man sich abgrenzen, sagt Programmgeschäftsführer Florian Hager. Und das, obwohl viele „funk“-Moderatoren bereits mit eigenen Youtube-Kanälen bekannt sind und praktischerweise auch ihr Publikum mitbringen. „Wir haben aber versucht, mit bekannten Gesichtern Neues zu gestalten“, sagt Hager. Bei Facebook und Youtube hätten alle „funk“-Videos zusammen seit Oktober mehr als 100 Millionen Videoaufrufe gehabt.

Folgen von 15 Minuten

Besonders erfolgreich: die fiktionale Web-Serie „Wishlist“. Sie erhielt im Februar den Deutschen Fernsehpreis. Thema der Serie ist eine App, die alle Wünsche erfüllt – allerdings nicht ohne Gegenleistung. Mit nur 15 Minuten Länge sind die Folgen auf die Sehgewohnheiten des jungen Publikums zugeschnitten. Auch die Jugendsprache und der Fokus auf die digitale Welt von Whats App und Snapchat zeigen, dass die Produzenten der Zielgruppe selbst noch nicht lange entwachsen sind.

„Ich bin der Überzeugung, dass es für unsere Zielgruppe unter 30 Jahren keine Lobby gibt, weder in der Politik, noch sonst wo“, sagt Hager. Für sie wolle man Themen finden. Dabei sei es für jeden Produzenten Pflicht, Nutzer-Feedback miteinzubeziehen und die Formate entsprechend weiterzuentwickeln. Die Show „Problem-Zone“ auf Facebook zeigt, wohin die Reise gehen könnte. Moderatorin Visa Vie spricht jeden Donnerstag live mit bekannten Rappern über die Sorgen der Facebook-Nutzer, die – im Idealfall – zusehen und über Kommentare mitdiskutieren.

Dass die Öffentlich-Rechtlichen für seine Generation neue, innovative Wege gehen wollen, ist für Schrön längst überfällig. Denn in einer Sache ist er sich sicher: Der Fernseher, der linear und nur in eine Richtung funkt, wird für seine Generation bald nur noch ein Relikt aus vergangenen Zeiten sein.

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