Promi-Geburtstag vom 20. Mai 2017: Peter von Matt

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Promi-Geburtstag vom 20. Mai 2017: Peter von Matt
Peter von Matt
Küsse, Intrigen, missratene Kinder: Peter von Matt wird 80.
 (Foto:
Urs Flueeler
)

Zürich dpa „Die Intrige“, „Die Treulosen“, „Die verdächtige Pracht“ - hinter solchen Werken können sich Europäer leicht Thriller über die Europäische Union vorstellen. Aber mitnichten: Der Germanist und Schriftsteller Peter von Matt reiht darin Perlen der Weltliteratur an ungewöhnlichen Fäden auf.

Das Europäische Projekt bewundert der Schweizer, und der neue Populismus beunruhigt ihn. Heute wird der gefragte Festredner, als einer der führenden Intellektuellen im deutschsprachigen Raum gefeiert, 80 Jahre alt.

„Ich bin bekümmert über die Selbstverständlichkeit, mit der all diese populistischen Bewegungen die europäischen Strukturen, also die EU, reflexartig verwerfen“, sagt er. „Mich bekümmert die Verachtung und Verspottung dieser immensen Leistung, die der europäische Zusammenschluss zustandegebracht hat.“

In seinem neuen Buch geht es um leichtere Kost: das Küssen, „ein Allerweltsgeschäft“, wie er schreibt. Von Matt beleuchtet sieben entscheidende Küsse in Werken von Virginia Woolf über Franz Grillparzer bis Anton Tschechow. Seine Lust an Prosa und Poesie sprießt nur so aus den Zeilen: er schreibt von unerhörten Klängen und poetischer Wucht, von lautlosem Dröhnen und Prosawundern. „Man traut seinen Augen und Ohren nicht, so leuchtet und strahlt und tönt und schallt alles“, formuliert er und führt die Leser wieder auf eine spannende Reise durch die Weltliteratur. Wie in früheren Büchern, nicht nur in „Die Intrige“ über die Hinterlist (2006), auch etwa in „Verkommene Söhne, missratene Töchter“ über Familiendesaster (1995).

Er wählt populäre Sujets mit Kalkül: „Ich habe ein großes Bedürfnis, gelesen zu werden“, sagt der frühere Germanistikprofessor, Sohn eines Buch- und Schreibwarenhändlers, verschmitzt. Trotz Quälerei. „Der Schreibtisch ist eine Folterbank“, klagt er. „Ich habe oft gedacht: mein Gott, jetzt musst Du Dich wieder hinhocken und abquälen.“

Seine scharfe Beobachtung der kleinen Dinge hat von Matt zum gefragten Redner gemacht. Er lotet die Schweizer Seele aus, wie in der Essaysammlung „Das Kalb vor der Gotthardpost“ (2012). Da zeigt er die Schweiz als „aufgesprengtes Idyll, hin- und hergerissen zwischen Dynamik und Stillstand“, wie ein Kritiker formuliert. Dafür erhielt er 2012 den Schweizer Buchpreis. Gerade erst hielt er eine Rede über die Suche nach der „Identität der Eidgenossen“ - wenn auch zur Zeit des Mystikers Niklaus von Flüe, der 1417 geboren wurde. Wie immer lockt er seine Zuhörer dabei auf Gedankenpfade in die Gegenwart.

Das Mattsche Erfolgsrezept - in der Literatur Küsser, Intriganten oder missratene Kinder aufzuspüren - setzt der Fantasie für weitere Werke keine Grenzen: Selbstüberschätzer, Pfarrerstöchter, Demagogen etwa. Aber eine Schublade voller Themenideen habe er nicht. Über Dumme habe er mal Material gesammelt, das aber aufgegeben. Bei neuen Werken ist von Matt verschwiegen wie ein Buch. Selbst mit seiner Frau spreche er nicht darüber. „Ich habe Angst vor Reaktionen, die mich verunsichern“, sagt er. „Wenn jemand nur sagt: findest Du das eine gute Idee? Dann würde bei mir schon alles zu wackeln beginnen.“

Wem würde der Kenner der Weltliteraten gerne mal auf den Zahn fühlen? „Shakespeare, Schiller, Robert Walser“, sagt von Matt. Allerdings seien Schriftsteller eher „schwierige Kerle“. „Schriftsteller finden Germanisten entsetzlich und finden, die braucht man nicht“, sagt er. „Germanisten reden von Perspektive und Struktur, aber der Autor spricht von seiner Figur wie von einer Person, die er kennt. Die Zweideutigkeit, die Hintergründigkeit eines solchen Textes kennt er oft selber nicht.“ Der kreative Prozess sei sehr komplex. Deshalb: Die Frage „Was haben Sie sich dabei gedacht“ sei tabu. „Die untauglichste Frage, die man stellen kann“, sagt von Matt.

Für große Feiern ist er nicht zu haben. „Ostern, Weihnachten, Geburtstage - die jährlich wiederkehrenden Dinge habe ich schon so oft erlebt, das brauche ich nicht mehr“, sagt er. Ist das Älterwerden ein Problem? „„Meinen Zustand finde ich höchst angenehm“, sagt er. „Man ist aus dem Konkurrenzkampf raus und muss nicht mehr mit jedem Esel wetteifern oder ihn freundlich anlächeln.“

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