Die Frühblüher treiben aus: Milky Chance mit „Blossom“

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Die Frühblüher treiben aus: Milky Chance mit „Blossom“
Milky Chance
Milky Chance haben Kassel auf die Pop-Weltkarte gebracht.
 (Foto:
Markus Scholz
)

Hamburg dpa Einfach erstmal machen. Ausprobieren, Grundgerüst bauen, wieder auseinandernehmen, neu zusammenpuzzeln - und dann mal gucken, was passiert.

So begannen Clemens Rehbein und Philipp Dausch vor rund fünf Jahren ihr Bandprojekt Milky Chance, noch bevor sie in Kassel ihr Abitur in der Tasche hatten. Passiert ist inzwischen so einiges.

Die beiden Schulfreunde, die schon als Jugendliche zusammen in ihrer Jazz-Band Flown Tones jammten, schafften ganz nebenbei etwas, wovon selbst hochfokussierte Musiker oft nur träumen: Sie werden weltbekannt, gehen auf ausverkaufte Tourneen, räumen zig Preise ab, spielen beim gehypten Coachella-Festival in der kalifornischen Wüste, sind bei US-Talk-Größen wie Jimmy Kimmel und Jimmy Fallon zu Gast.

Und das mit einem handgemachten, im heimischen Keller nach Trial-and-Error-Prinzip zusammengefrickelten Album namens „Sadnecessary“, das Ende Mai 2013 seinen internationalen Siegeszug startete - erschienen auf dem mit geschnorrtem Geld gegründeten eigenen Label Lichtdicht Records.

Wobei: Den Stein ins Rollen brachte schon der im Sommer 2012 bei YouTube hochgeladene Song „Stolen Dance“, der bald die 30-Millionen-Klick-Grenze überschritten haben dürfte. Die swingende Folk-Pop-Perle, deren pluckernde Beats den eigentlich besungenen Liebeskummer vergessen lassen, wird auf und abseits von Festivals und Wiesen zum Sprungbrett für die Frühblüher Rehbein und Dausch. Den Refrain können vermutlich Millionen Menschen weltweit mitsingen - und Rehbeins kratzige, etwas knöternde Stimme erkennt mittlerweile wohl selbst ein durchschnittlich musikinteressierter Hörer.

Anfang 20 und schon ein Pop-Phänomen: Manche macht das überheblich, manche zerbrechen an den Erwartungen. Auf Milky Chance trifft nichts davon zu. Zumindest wirken sie immer noch angenehm unaufgeregt, lässig und ehrlich. Die beiden Musiker geben im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur zu, vom Erfolg „überrumpelt“ worden zu sein und vor der US-Tour durchaus „Schiss gehabt“ zu haben. Deswegen zogen sie sich im Herbst 2016 bewusst in die hessische Heimat zurück, um in Ruhe an Album Nummer zwei zu basteln.

Für „Blossom“ arbeiteten sie mit dem Indie-Produzenten Tobias Kuhn zusammen und nahmen die 16 Tracks schließlich in einem professionellen Studio auf.

„Wir sind unserem Grundvibe treu geblieben, weil es das ist, was wir immer noch fühlen. Aber wir wollten uns auch weiterentwickeln und haben die Möglichkeit genutzt, Neues auszuprobieren“, erzählt Dausch, der Soundbastler der Band. Heißt zum Beispiel: mehr echte Instrumente, Bässe und Beats einspielen statt eintippen. „Beim ersten Album war vieles Zufall - wir hatten auch technisch noch nicht so den Plan und haben einfach intuitiv an den Reglern gedreht. Jetzt war es schön, Hilfe dabei zu haben, seine musikalischen Visionen umzusetzen“, ergänzt Rehbein.

Das Ergebnis? Ein weiteres Feel-Good-Album mit tanzbaren Elektro-Beats. Die Klangfarbe ist „sandiger, holziger und ein bisschen natürlicher“, findet der Songschreiber und Sänger. Lyrisch sei es aber an vielen Stellen das Gegenteil: Es geht auch durchaus mal um ernstere Themen, Sorgen, Probleme. Schon im Opener und Titelsong „Blossom“ wird das trotz kieksender Gitarre und Kopfnickerqualitäten deutlich: „So what's the point / Of going somewhere / When everyone you see / Is just nothing but confused“ („Was bringt es / Irgendwo hinzugehen / Wenn jeder, den du siehst / Einfach nur verwirrt ist“). Melancholie, geschickt verpackt als leichtfüßiger Picknick-Pop.

Die erste Single-Auskopplung „Cocoon“ samt „Eeeh-Aaah“-Ohrwurm-Refrain, Reggae-Anleihen und groovender Gitarre lädt zur Weltflucht ein; die zweite - „Doing Good“ - fordert trommelnd zum Autodach-Öffnen auf. Das blubbernde „Bad Things“ überrascht mit einem Gastauftritt der britischen Sängerin Izzy Bizu („White Tiger“), deren Stimme bestens mit der von Rehbein harmoniert. Zwischendurch lassen ruhigere Nummern wie „Cold Blue Rain“, „Stay“ oder „Alive“ Zeit zum Durchatmen - mit oder ohne Gras.

Immer mal wieder klingt ein bisschen Jack Johnson, ein bisschen Bob Marley durch. Auch die Mundharmonika kommt ab und an zum Einsatz. „Wir haben mit dem ersten Album unser musikalisches Zuhause gefunden und hatten daher nicht das Gefühl, jetzt etwas künstlich reproduzieren zu müssen“, sagt Dausch über das Zweitwerk. Das mag sich für manch einen alles zu ähnlich anhören. Auch auf Rehbeins Reibeisenstimme kann man allergisch reagieren. Die Mehrheit wird sich aber vermutlich über Nachschub vom liebgewonnenen Sound für die anstehende Freiluftsaison freuen.

Website Milky Chance

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