Verneigung vor einem Namenlosen

Schwäbische.de

Kultur

Rolf Waldvogel
Verneigung vor einem Namenlosen

Stuttgart sz Auch Kirchenbauten gehen mit der Mode. Als 1772 die Pfarr- und Stiftskirche St. Martin von Meßkirch im damals schicken Rokoko-Stil umgestaltet wurde, fand die alte, opulente Ausstattung mit zwölf Altären aus dem 16. Jahrhundert keine Gnade mehr. Ihre Kunst zwischen Spätgotik und Renaissance galt als heillos überaltert, allenfalls noch etwas für den Speicher. Die Mitteltafel des Hochaltars – eine „Anbetung der Könige“ – beließ man auf Geheiß des damaligen Regenten aus dem nahen Schloss zwar doch noch in der Kirche, allerdings an eine Seitenwand verbannt.

Zurzeit ist auch diese Wand leer. Denn just um jene „Anbetung“ herum hat die Staatsgalerie Stuttgart eine der spektakulärsten Präsentationen von Kunst des ausgehenden Mittelalters gruppiert, die in den letzten Jahren in Deutschland zu sehen war. Mit fast 200 erlesenen Exponaten aus Sammlungen in aller Welt wird dabei erstmals der „Meister von Meßkirch“ gebührend gefeiert, der zwischen 1535 und 1538 für die Ausstattung von St. Martin sorgte. Aber die Schau – nicht umsonst als „Große Landesausstellung“ deklariert – weitet den Blick, rückt den malenden Anonymus in sein Umfeld, lädt zu Vergleichen mit Vorläufern oder Zeitgenossen, stellt kulturhistorische Bezüge her. Und nicht zuletzt löst sie das Versprechen des Untertitels ein: „Katholische Pracht in der Reformationszeit“. Die brutalen Brüche jener bewegten Epoche sind auch in der Kunst erlebbar – im Nachgang zum Reformationsgedenken eine sinnfällige Ergänzung.

Keine Spekulationen

Was wurde nicht schon gerätselt, wer wohl hinter diesem unbekannten Hofmaler im Dienst des oberschwäbischen Adelsgeschlechtes der Herren von Zimmern stecken könnte. Elsbeth Wiemann, Oberkonservatorin für altdeutsche und niederländische Kunst an der Staatsgalerie, die die Ausstellung kuratierte, will sich nicht auf dieses glatte Parkett begeben. Bis jetzt hat auch das akribischste Quellenstudium nichts Habhaftes über die Herkunft des Künstlers erbracht. Zwar könnten Spuren nach Balingen weisen, wo zwei malende Brüder, Joseph und Marx Weiß, wirkten und die Werkstatttradition des „Meisters von Meßkirch“ fortsetzten. Aber Wiemann belässt es dann doch lieber beim Notnamen, der schon seit Ende des 19. Jahrhunderts in der Kunstgeschichte eingeführt ist.

Der Name spricht eh für sich. 67 der einst wohl 84 Teile umfassenden Ausstattung von St. Martin – Mitteltafeln mit neutestamentlichen Szenen und Flügel mit stehenden Heiligenfiguren – sind erhalten: 50 davon hat man nun hier versammelt, allein 18 Werke aus der Sammlung Würth, aber auch aus Karlsruhe, München, Berlin, Maastricht, Paris oder New Haven, wohin sie nach dem Verkauf in der Folge der Säkularisation von 1803 gelangt waren. Ein immenser Kraftakt der Staatsgalerie, und schon dieses Ensemble rund um die ebenso prunkvolle wie anrührende „Anbetung“ wird zur Augenweide. Das Rahmenwerk des Hochaltars ist zwar verschollen, aber ein in Basel gelandeter Entwurf aus der Feder des Meisters gibt einen Eindruck von seiner fein ziselierten Renaissance-Architektur.

Grandiose Einzelstücke

Zu den zwischen 1535 und 1548 im Auftrag des Grafen Gottfried Werner von Zimmern und seiner Ehefrau Apollonia von Henneberg gemalten Meßkircher Tafeln kommen etwas früher entstandene hochrangige Mehrflügel-Retabel wie der Wildensteiner Altar (heute im Besitz der Staatsgalerie) und der Falkensteiner Altar (heute in der Sammlung Würth). Sie dienten wohl einst in den Schlössern derer von Zimmern der privaten herrschaftlichen Andacht. Es gibt aber auch grandiose Einzelstücke wie eine bewegende „Kreuzigung“ um 1530 oder ein hinreißender „Heiliger Benedikt als Einsiedler“ um 1540.

Was nun alle diese Kunstwerke eint, ist die imponierend eigenständige Handschrift des Meßkirchers mit hohem Wiedererkennungseffekt. Da ist seine zeichnerische Fantasie, die immer wieder für aparte Typen sorgt: elegant herausgeputzte Ritter, puppenhafte heilige Jungfrauen, knorrige Apostel, kauzige Eremiten. Da sind diese flächigen, bleichen, oft etwas aufgedunsen wirkenden Gesichter. Und da ist sein Hang zu kostbarem ornamentalen Reichtum, gepaart mit einem untrüglichen Gespür für delikate Farbeffekte – vor allem in der Behandlung von Stoffen, die er in den zartesten Farbnuancen changieren lässt.

Einflüsse von Dürer und Grien

Natürlich hat er Vorbilder. So lassen sich zum Beispiel an den frühen, schon um 1520 entstandenen Altartafeln des Meisters aus den Fürstlichen Sammlungen Sigmaringen Einflüsse von Albrecht Dürer, Hans Baldung Grien, Albrecht Altdorfer, Hans Schäufelein und Hans Holbein dem Jüngeren herauslesen. Zur Verdeutlichung stellt man etliche Arbeiten dieser Künstler in Stuttgart vor, unter anderem eine große Anzahl von einschlägigen Dürer-Holzschnitten. Eine „Beweinung“ von Baldung, daneben eine „Beweinung“ des Meßkirchers – und schon wird die enge Verwandtschaft klar. Dass er sich später in Richtung eines eigenen Stils und hin zu bestechendem Raffinement freigeschwommen hat, wird allerdings aufs Schönste demonstriert.

Die Schau ist erkennbar für Freunde der alten Kunst arrangiert, etwa was die kunsthistorisch akzentuierten Texte angeht. Aber die Revue der farbstarken Tafeln wird auch durch sinnvolle Nebenaspekte bereichert. So gilt eine Abteilung den Herren von Zimmern und ihrem Haus. Prominent platziert sind dabei zwei Ausgaben der „Zimmerischen Chronik“, für die das Geschlecht auch berühmt wurde. Ursprünglich als Familiengeschichte geplant, gilt sie heute als eine kulturhistorisch äußerst wertvolle Sammlung von Gesellschaftsnachrichten für Adelshäuser, von allerlei Histörchen aus dem Volksleben, Schwänken, Sagen und Sprichwörtern der Zeit. Und wer noch nie eine Herzkapsel für das Begräbnis eines Renaissance-Potentaten gesehen hat, kommt auch auf seine Kosten.

Kampf mit Bildern

Zwischen den Altären stehen zudem Vitrinen mit Kelchen, Rosenkränzen, Prunkpokalen, Bischofsstäben. Sie dokumentieren exquisites Kunsthandwerk der Zeit, aber sie zeigen auch, wo sich der Meister die Anregungen für die Accessoires in seinen Bildern herholte. Der Pokal des Mohrenkönigs aus der Meßkircher „Anbetung“ ist fast identisch in natura zu bewundern.

Kunst um 1530/40 mit stark rückwärtsgewandten Zügen, was den üppigen Einsatz von Gold angeht, aber auch die Thematik – dieser Eindruck herrscht vor angesichts der Meßkircher Tafeln des Meisters. Was wir allerdings nicht genau wissen: War dieser Konservatismus dem Künstler selbst geschuldet oder musste er auf Anordnung seines Auftraggebers genau so malen? Denn dieser Gottfried Werner war, wie es in der Chronik heißt, ein „gotzförchtiger und vil bettender Mann“. Er war ein geharnischter Anhänger des alten Glaubens in Zeiten, da Oberschwaben sich vor allem in den Städten dem Protestantismus öffnete. Und vor den Meßkircher Schlosstoren deklarierte die Landbevölkerung lauthals ihren wachsenden Unmut über die Verhältnisse. So sollte seine Kirche durch ihre schier unglaublich kostspielige Ausstattung wohl zu einem katholischen Bollwerk werden, das dem lutherischen Ungeist trotzte.

Hochkarätige Leihgaben

Das große Verdienst der Ausstellung ist es nun, den Paradigmenwechsel in der Kunst des 16. Jahrhunderts erfahrbar zu machen. Man hat keine Mühe gescheut, den durch Luther ausgelösten Wandel mit sorgsam ausgewählten Artefakten und Archivalien zu demonstrieren. Was Bildersturm im zwinglianisch orientierten Oberdeutschland bedeutete, lassen zwei Altarflügel aus der Schweiz ahnen: die heiligen Katharina und Anna mit ausgekratzten Gesichtern, ihre Pendants Antonius und Sebastian mit ausgestochenen Augen. Etliches an reformatorischer Propaganda in Schrift und Bild ist ausgebreitet. Und nicht zuletzt wird gezeigt, wie sich die Bildwelt im protestantischen Umfeld änderte. Zwei großartige Cranach-Gemälde sind aus Frankfurt und Budapest gekommen: „Christus segnet die Kinder“ sowie „Christus und die Ehebrecherin“, zwei typisch auf die Lehrtätigkeit des Heilands ausgerichtete Themen, die in der Zeit des Heiligenkults zuvor keine Rolle gespielt hatten.

Eine Sensation ist es schließlich, dass man den unlängst wunderbar renovierten „Gothaer Altar“ nach Stuttgart holen konnte. Entstanden ist das riesige Retabel des Herrenberger Künstlers Heinrich Füllmaurer wohl um 1538 im Auftrag von Herzog Ulrich von Württemberg, und es gilt mit seinen detailverliebten Bibelszenen und Bibeltext-Kartuschen in deutscher Sprache auf 157 Tafeln als bildreichstes Kunstwerk der Reformationszeit. Nicht mehr sehr weit von Agitprop entfernt, wird hier protestantisches Gedankengut verbreitet. In Mönchskutte streut der Teufel genüsslich Unkrautsamen. Will heißen: aufgepasst!

Nochmals zurück zum Kernstück der Schau: Da machen die vornehmen Heiligen Drei Könige der Gottesmutter und dem Kind ihre Aufwartung, und darüber glänzt großmächtig der goldene Stern von Bethlehem. So wenig vertraut der „Meister von Meßkirch“ vielen bislang auch gewesen sein mag, genau diese Szene gehört längst zum Fundus an Weihnachtskarten mit altdeutscher Malerei – über alle Konfessionsgrenzen hinweg.

Der Meister von Meßkirch. Bis 2. April 2018 in der Staatsgalerie Stuttgart. Katalog: Euro 39,90 in der Ausstellung. www.staatsgalerie.de

Tel. (0711) 470 40 0

Ihr Kommentar zum Thema