Modigliani-Ausstellung in London

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Sebastian Borger
Modigliani-Ausstellung in London

Das Gemälde „Akt“ von 1917 dominiert den großen Saal der Londoner Modigliani-Ausstellung.
Das Gemälde „Akt“ von 1917 dominiert den großen Saal der Londoner Modigliani-Ausstellung.
 (Foto:
Privatsammlung
)

London sz Von der Decke tropft Wasser, durch die trüben Fenster fällt fahles Licht. In der Ecke liegt eine schmale Matratze, daneben steht ein Stuhl. Überall an den Wänden lehnen fertig gemalte Bilder, zu erkennen ist eines, das die schwangere Freundin des Künstlers zeigt. Auf dem Tisch in der Mitte des Ateliers sieht man eine brennende Kerze und einen vollen Aschenbecher, eine Zigarette glimmt noch. Daneben liegen Palette und Pinsel bereit, als würde der Meister jeden Moment zur Tür hereinkommen.

Doch Amedeo Modigliani ist seit 98 Jahren tot, 35-jährig gestorben an tuberkulöser Meningitis, an Alkoholsucht, an Armut. Mit Hilfe fabelhafter 3-D-Technik hat eine taiwanesische Firma sein letztes Pariser Atelier virtuell rekonstruiert und damit das Leben des Malers sinnlich erfahrbar gemacht, die verheerenden hygienischen Bedingungen im Atelier und die prekäre Finanzsituation des Künstlers eingeschlossen.

Die etwa zehnminütige Show zählt zu den Höhepunkten der wunderbaren Ausstellung zu Modiglianis Ehren in Londons Tate Modern. Tate-Chefin Frances Morris und ihr Kuratorenteam haben dafür annähernd 100 Gemälde, Zeichnungen und Skulpturen des Italieners zusammengetragen – Leihgaben aus Dutzenden von Museen sowie Privatsammlungen weltweit. In einem Raum sind die charakteristischen Köpfe versammelt, die Modigliani vor dem Ersten Weltkrieg modellierte; die geliebte Bildhauerei musste der ohnehin kränkelnde Mann wegen zunehmender Atemschwierigkeiten, wohl vom feinen Staub hervorgerufen, aufgeben. Die charakteristisch schmalen Gesichter auf Schwanenhälsen aber tauchen fortan in seinen Porträtgemälden auf.

Geballte Nacktheit

Der größte Saal in der Schau ist den berühmten Aktgemälden des Italieners aus dem Kriegsjahr 1917 und danach gewidmet. „Sexiest show in town“, schwärmt die Kritikerin der „Financial Times“ über die geballte Nacktheit, von einem „spektakulären Aufgebot“ spricht der „Guardian“. Hingegen schrieb der „Spiegel“ von „besonders dekorativem Anschauungsmaterial zur aktuellen Sexismusdebatte“. Als hätten sie solcherlei Naserümpfen vorbeugen wollen, identifizieren die Kuratorinnen Modiglianis Modelle als moderne, ja beinahe emanzipierte Frauen: Fitness, kurze Haare, Make-up seien Zeichen der Zeit gewesen. Wer die Hüllen fallen ließ, konnte deutlich mehr verdienen als Arbeiterinnen in den Fabriken. Selbstbewusst und direkt schauen sie von der Leinwand auf die Betrachter.

Freilich sind ihre Namen weitgehend unbekannt – mit der Ausnahme jener schönen Elvira, die uns bekleidet an einem Tisch sitzend sowie als „Stehender Akt“ begegnet. Es sind Leihgaben von Museen in St. Louis und Bern. Am Ende geht es Modigliani und seinen Käufern – das Bild „Liegender Akt“ erzielte 2015 sagenhafte 158 Millionen Euro – doch wohl vor allem um einen Blick auf die Frau als Objekt, mag der Blick auch respektvoll ausfallen.

„Radical Nudes“ überschrieb vor einigen Jahren die Courtauld-Galerie eine Ausstellung radikaler Aktzeichnungen Egon Schieles. In Anlehnung daran könnte die Tate-Show vielleicht „zahme Nackte“ heißen. Denn Modiglianis Aktgemälde strahlen Sensualität und Erotik aus, haben nichts Vulgäres oder allzu Offenbares, unterscheiden sich also wohltuend von der Klick-Pornografie heutzutage im Internet. Beunruhigend war seine Kunst vor 100 Jahren höchstens für jenen Polizeiführer, der 1917 eine Ausstellung in Paris wegen allzu vieler Schamhaare kurzzeitig schließen ließ.

Nach all der schönen Nacktheit und einem Meer von Porträts ist es angenehm, auch einmal eine Landschaft zu sehen. Gegen Ende seines Lebens, während eines Erholungsaufenthaltes in Südfrankreich, experimentierte Modigliani mit dem Malen en plein air. Lediglich vier dieser Bilder sind bekannt, die „Landschaft von Cagnes“ (1919) gibt der Ausstellung einen ganz besonderen Farbtupfer.

„Guardian“-Kritiker Jonathan Jones beschrieb die Zusammenstellung in der Tate Modern als „großartige Show“, die aber einem „etwas törichten“ Maler gelte: „Er begann als Imitator von Cézanne und endete auch so.“ Der Publikumsandrang am Themse-Ufer deutet darauf hin, dass viele Kunstliebhaber sich von derlei Urteilen nicht einschüchtern lassen und bevölkern in Scharen die Räume. Vor Modiglianis virtuellem Atelier beträgt die Wartezeit gern mal 30 Minuten. Es lohnt sich.

Bis 2. April, Öffnungszeiten: täglich 10-18 Uhr, Fr. und Sa. 10-22 Uhr, Infos unter: www.tate.org.uk

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