Lokales

Von Yannick Dillinger
In der Höh­le der Löwen und Bayern ei­ne be­ruf­li­che Heimat gefun­den
Seit zweieinhalb Jahren ist Marc Geissler aus Kißlegg als Betriebsleiter in der Münchner Allianz-Arena beschäftigt.
(Foto:
Dillinger
)

Kisslegg/München sz Liebe geht durch den Magen – auch und gerade bei Fußballfans. Hat der Lieblingsverein verloren, ist der Leberkäs, der nach dem 3:0-Erfolg der Vorwoche noch geschmeckt hat wie ein exquisites Fünf-Gänge-Menü in St. Tropez, plötzlich schlechter als jede abgewrackte Stadionwurst. Diese Erfahrung hat Marc Geissler bei seinem Jobantritt vor zweieinhalb Jahren sehr schnell gemacht. Fußballfans seien nicht wählerischer als andere Kunden, sagt er. Aber eben mit Herzblut dabei. Bei einer Niederlage der großen Liebe könne auch das beste Essen nichts mehr retten.

Marc Geissler ist auch so ein Herzblut-Mensch. Jede Nuance seines Joballtags genießt er. Er, der bereits mit 17 Jahren das heimische Kißlegg verließ, ist seit Oktober 2009 bei der Arena One GmbH angestellt. Seine Position: Betriebsleiter. Seine Aufgabe: die Gesamtkoordination des Caterings – inklusive Budgetierung, Planung und Personalführung. Sein Team: rund 60 Festangestellte plus etliche Aushilfen. Sein Spielfeld: Deutschlands imposantestes Fußballstadion, die Allianz-Arena in München, in der sich die Arena One GmbH seit acht Jahren ums Catering kümmert. Sein Lohn: Einflussreiche Wirtschaftsbosse mit Fußballfan-Hintergrund oder Manager-Urgesteine wie Uli Hoeneß loben Geisslers Arbeit. Seine bisherigen Highlights: der „ohnehin nette“ Ivica Olic haut sich vor ihm vier Fastnachts-Krapfen rein, Mario Gomez und Thomas Müller plauschen neben ihm im Fahrstuhl über Gott und die Welt oder auch jedes Mal wieder die Gänsehautmomente beim Abspielen der Champions-League-Melodie. Alles ein großer Traum? „Eher das Ergebnis harter Arbeit“, sagt er.

An einem frühen Montagabend im Februar hat es sich Geissler gemütlich gemacht, hat mit seinem schicken Zweiteiler Platz genommen auf dem mit glattem Leder bezogenen Stuhl in der Davidoff-Lounge – „der einzige Raum im Indoor-Bereich, in dem man rauchen darf“, sagt Nichtraucher Geissler. In der Allianz-Arena ist alles geregelt – daran müssen sich auch die Schönen, Reichen und Einflussreichen halten. Der Allgäuer mag das, mag klare Ansagen, mag Disziplin – mag auch mal Ruhe. Das Handy klingelt innerhalb einer Stunde Interview mehrfach. Geissler lässt sich davon nicht aus der Fassung bringen. Gelassen nimmt er ein ums andere Mal das Smartphone vom dunklen Thekenholz auf, spricht in kurzen, aber klaren Worten zur anderen Seite, entschuldigt sich beim Interviewpartner und nimmt den Gesprächsfaden sicher wieder auf. Der 35-Jährige ist einer jener Menschen, um die herum die Welt zusammenbrechen könnte – er würde wohl dennoch den Überblick behalten. Eine Gabe, die ihm den Fünf-bis-sechs-Tage-in-der-Woche-Job erleichtere, sagt er.

Es sind noch rund drei Stunden, bis 1860 München gegen Energie Cottbus kickt. „Zweite Liga, da ist alles 'ne Nummer kleiner“, sagt Geissler. 'Ne Nummer kleiner bedeutet, dass „nur“ rund 3000 Menschen den Business- und VIP-Bereich stürmen. Den Bereich also, für den der gebürtige Kißlegger hauptsächlich zuständig ist. Bei Bayern-Spielen sind es doppelt so viele Gäste, sagt er.

In der Arena werden die letzten Vorbereitungen getroffen, Aushilfskräfte gebrieft, erste Gläser aufgefüllt, wird nochmal über einen der vielen, vielen Tresen gewischt. Alles ist von langer Hand geplant, alles in enger Absprache mit Geissler koordiniert. Jede Minute ist getaktet, jedes Detail muss perfekt sein, wenn die Kunden, die Fußballfans, in einer Stunde Zugang zur Business-Lounge gewährt bekommen. Geissler macht keinen Hehl daraus: Wer eine der 106 Logen rund ums Spielfeld gemietet hat oder zumindest von einem der Tellerchen in der Business-Lounge nascht, „dem geht’s nicht so schlecht“.

Geissler geht’s auch nicht so schlecht. Er, der bekennende Stuttgart-Fan, hat seine berufliche Heimat in der Höhle der Löwen und der Bayern gefunden. Dabei waren seine Bedenken anfangs groß: „Catering in einem Fußballstadion? Werden da zweimal in der Woche Würste gebraten und das war’s dann?“ Geissler grinst, wenn er an die vier harten Vorstellungsgespräche zurückdenkt, die ihm ein Headhunter vermittelt hatte. Heute weiß er: Qualitativ anspruchsloser sind seine Aufgaben ganz sicher nicht geworden. Umso bemerkenswerter ist das, wenn man weiß: Geissler kam nicht gerade aus einer Pommesbude zur Allianz-Arena. Der Mann hatte mit Anfang 30 und Stationen in Garmisch-Partenkirchen, Stuttgart, Warschau, Saigon und Curaçao schon einiges vorzuweisen – und schon einiges gesehen.

Was er noch nicht gesehen hatte, war Disneyland. „Genau so wirkte die Allianz-Arena auf mich, als ich beim Spiel Bayern gegen Wolfsburg hier reinkam“, sagt er. Schon das Parken in Europas größtem Parkhaus sei eine Schau. Dann die exquisiten Welcome-Lounges, die mit vergoldeten Rohren bestückten Decken, das hochwertige Interieur im gesamten Business-Bereich, das damals schon qualitativ enorm hoch angesetzte Essensangebot – Marc Geissler war überrascht. Nein, nach „zweimal in der Woche Würste braten und das war’s dann“ habe das nun wirklich nicht ausgesehen. Eher schon nach der Bestätigung, dass der mutige Schritt aus dem sicheren Arbeitsverhältnis im Hilton-Hotel in der Karibik in die berufliche Grauzone und ins elterliche Haus in Kißlegg zurück richtig war.

Wieder klingelt das Handy. Diesmal ist es Geisslers Assistentin. „Was? Schon da? Okay, ich komme gleich.“ „Schon da“ sind die Geschäftsführer der Arena One GmbH. Sie warten im Büro auf Geissler. Die Männer also, die mit ihm vor zweieinhalb Jahren „bewusst den Schritt in Richtung Fünf-Sterne-Standard gegangen sind“ und deren Job er sich als eines der nächsten Ziele auf die Fahnen geschrieben hat. „Wäre schon schön, wenn ich da hin käme“, erklärt der 35-Jährige. Wenn nicht, dann könne er sich auch eine Rückkehr ins Hotelfach vorstellen. Sagt es, steckt sein Handy in die Tasche, verabschiedet sich vorerst von seinen Angestellten in der Davidoff-Lounge und macht sich auf den Weg in Richtung seiner Chefs.

Ein Weg, der rund 700 Meter lang ist und auf der einen Seite von der an diesem Abend blau beleuchteten Außenhaut des Stadions, auf der anderen Seite von Logen namhafter Firmen abgegrenzt wird. Ein Weg, den Marc Geissler an Spieltagen mehrfach geht. „Ich klappere die Kunden ab, halte Kontakt, netzwerke“, erzählt er. Ansonsten sei seine operative Arbeit mit dem Anpfiff tief unten auf dem Platz eigentlich schon lange erledigt. Klar, wenn’s mal ein Problem gibt, dann stehe er als Gesamtverantwortlicher bereit. Zum Beispiel, wenn einem Kunden beim 0:1-Rückstand seines Teams auffällt, dass der Zitronenlachs auf einmal doch zu sehr nach Fisch und zu sehr nach Zitrone schmeckt.

Was sich Marc Geissler aber nie entgehen lässt, ist der Anstoß. Wenn der naht, lässt er, wenn irgend möglich, den Kunden Kunden sein, stellt sich vor die Glasscheibe, die den kulinarischen Genusstempel von den emotionsbeladenen Zuschauerrängen trennt, und fiebert zumindest kurz mit.

Heute ist bis zu diesem Zeitpunkt noch ein wenig hin. Das Handy klingelt schon wieder, der Schritt wird schneller, der Ton bleibt ruhig. Geisslers Augen glänzen, wenn er die Logen aufschließt, wenn er zeigt, wie sich seine Kunden diese individuell eingerichtet haben. Er mag die Exklusivität, aber auch das Bodenständige – deshalb zieht es ihn regelmäßig heim zu Familie und Freunden in Kißlegg. „Auch wenn ich mit meiner Frau längst in München heimisch geworden bin, genieße ich im Durchschnitt so alle drei Monate die Allgäuer Luft“, sagt er. Viel öfter gehe schon rein zeitlich kaum. Zwar teile er sich die Arbeitszeit weitestgehend selbst ein, doch würden meist nicht mehr als ein, zwei Tage ohne Allianz-Arena herausspringen. „Wir haben ja auch unter der Woche Veranstaltungen, sind quasi ein Konferenzzentrum ohne Übernachtungsmöglichkeiten. Das wissen viele gar nicht.“

Was viele laut Marc Geissler auch nicht wissen: Der 35-Jährige ist kein Koch. „Das denken echt total viele in Kißlegg“, sagt er. Deshalb die Bereitschaft zum Interview, seine alte Heimat soll erfahren, was der Sohn der Gemeinde in der Großstadt so treibt. Was er zum Beispiel so nicht treibt, ist, ständig mit den Fußballprofis abzuhängen. „Klar, man trifft sich ab und an, lernt Altstars wie Werner Olk kennen, hat Meetings mit Uli Hoeneß. Aber viel mehr ist da nicht“, versichert der 35-Jährige.

Mehr habe er da schon mit der Tochter von Uli Hoeneß zu tun. Sie sei das Bindeglied zwischen Verein, Münchner Stadion-Gesellschaft und Arena One GmbH. Jene drei Partner, die unter anderem gemeinsam den Fahrplan in Sachen Menüzusammenstellung erstellen. Dabei wird übrigens nicht zwischen erster und zweiter Bundesliga unterschieden, es gibt das gleiche Menüangebot für beide Vereine. Einzige Maßgaben: Hochwertig müssen die Lebensmittel sein, kulinarische Experimente sollen vermieden werden, das Essen muss zum Fußball passen.

Zum Fußball passt auch, dass der eben seine ganz eigenen Helden des Tages hervorbringt. Am Ende dieses Montagabends im Februar ist es denn auch nicht etwa Marc Geissler und seinem Team zu verdanken, dass der Leberkäs zumindest den 1860-Fans geschmeckt hat, sondern Benny Lauth. Der Löwen-Stürmer hat mit seinen zwei Toren die Gäste aus Cottbus fast im Alleingang besiegt – und Marc Geissler die Arbeit ein ganzes Stück erleichtert. Liebe geht eben durch den Magen – auch und gerade bei Fußballfans.